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Weinrallye #35 – Dörfer auf Schiefer gebaut

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Kategorie: Fotos on the go

Gastbeitrag von Peter Züllig

Schiefer, französisch Schiste, gehört zu meinem Erfahrungsschatz, lange bevor ich das besondere Gestein mit Wein und seinen Geschmacks-Noten in Verbindung brachte. Die Schiefertafeln haben mich, als Schüler der unteren Klasse, oft in grosse Verlegenheit oder gar Wut versetzt. Später, biblisch unterrichtet, verband ich die Gesetzestafeln von Moses mit Schiefer, obwohl ich bis heute nicht weiss, ob es auf dem Berg Sinai je Schiefer gegeben hat oder gibt.

Als ich dann viel später Südfrankreich zu meiner zweiten Heimat auserkoren habe, bekam „Schiste“ eine neue, eher landschaftliche Bedeutung. Im Hinterland, dort wo ich immer wieder Ruhe, Erholung, Natur gesucht und gefunden habe, sind ganze Dörfer auf Schiste gebaut. Die – in meiner Vorstellung – einst bedrohlich dunklen Platten sind nun farbig, bunt, rot bis grün, ja sogar glimmernd geworden. Ich habe Frieden geschlossen mit dem Schiefer, ihn sogar in mein Herz geschlossen.

Das Schiefergebiet von Faugère

In dieser vom Schiefer geprägten südfranzösischen Gegend habe ich dann auch Weine kennen gelernt, denen ich die Eigenschaften von Schiefer – ohne lange zu hinterfragen – spontan zuordnen konnte. Zuerst rein emotional: die Erinnerung an Schiefertafeln der frühen Schulzeit, die Düfte von Wanderungen in einem von Schiefer geprägten Gebiet, die reflektierte Hitze von Schieferplatten und Steinen in den Weinbergen an den Hängen der „Schwarzen Berge“, das Glitzern und Gleissen mikroskopisch kleiner Glimmer… kurzum alles, was ich mit südfranzösischem Schiste in Verbindung bringen konnte.

Der typische Schieferboden von Faugère

Fortan waren Weine aus der Appellation „Faugère“, zum Beispiel, ausgesprochene Schiste-Weine. Ob es allein der Schiefer war, der das Unverkennbare, Einmalige in den Weine aus dieser Gegend ausmacht oder – wie es mir allmählich dämmerte – ganz einfach das Terroir – die Summe von Wetter, Bodenbeschaffenheit, Klima, Wärme, Natur, Tradition der Weinverarbeitung und, und, und – kann ich nach den vielen Jahren der Gewöhnung und Liebe nicht mehr beurteilen. All das hiess – und heisst heute noch – ganz einfach Schiefer.

Erschüttert wurde mein „Steinglaube“ erst, als ein befreundeter Chemiker so ziemlich zwingend dargelegt hat, dass Steine – rein chemisch gesehen – keine Aromen an Reben abgeben können und dass all das, was wir an Bodenbeschaffenheit in den Weingeschmack hineininterpretieren, zwar mit dem Boden etwas zu tun hat – zum Beispiel mit der Wasserführung, mit der Erhitzung, dem Speichern von Wärme etc. – aber nichts mit den Mineralien, die im Gestein zweifellos vorhanden sind.

Typische Gesteine in Faugère

Da ist eine Glaubenswelt in mir zusammengebrochen, ist in harten Steinen erstarrt: all die typischen Aromen von Pferdestall, der Duft von trocknendem Schiefer in der  Sonne, der rote Schiefer, der dem Wein Aromen von Pfeffer gibt, die mineralische Note von geriebenen Steinen, ja von Feuerstein, sollen nichts mir dem südfranzösischen Schiste zu tun haben?

Später habe ich – als ausgesprochener Rotweintrinker – auch die Diskussion um Riesling von Schieferböden miterlebt. Schiefer als Qualitätsbezeichnung, Markengeschützt, einklagbar, wenn dies als Qualitätsmerkmal auf der Etikette steht. Mein Schiefer im Wein hat damit nichts zu tun. Auch wenn nachweislich viele Reben auf Schieferböden gedeihen, so ist und bleibt für mich der Südfranzose aus der Appellation „Faugère“ der Prototyp eines Schieferweins.

Vielleicht, ja wahrscheinlich, hat dies mit dem Gestein direkt wenig zu tun. Es ist vielmehr der Wein aus einer bestimmten Gegend; der Wein von einem bestimmen Terroir, das – nach aussen – mit Schiefer besät und von Schiefer geprägt ist. Jedenfalls glaube ich die Schieferweine von Faugère jederzeit blind zu erkennen, ob sie nun vom einen oder andern Produzenten stammen. Sie haben bei aller Unterschiedlichkeit etwas Gemeinsames: bisher (oder lange Zeit) nannte ich diese Gemeinsamkeit eben „Schiste“. Inzwischen weiss ich zwar, dass es Schiefer allein nicht sein kann, dass das, was ich als Schieferaromen zu erkennen glaube, ganz andere Urheber hat, dass es keine Mineralien sind, die ich im Wein wiederfinde, sondern sinnliche Wahrnehmungen, die sich in mir mit Gegenden voll Schiefer untrennbar verschmolzen haben.

Ich finde diese Verbindung – auch wenn sie chemisch und physikalisch wenig miteinander zu tun hat – ein Glücksfall, für mich und den Wein. So hebt sich ein Getränk – mein Lieblings- und Genussgetränk – jederzeit ab, von dem was in all den vielen Caves der Welt als „ausgezeichneter Wein“ fabriziert wird. Die Schiefertöne, die mich ursprünglich an Schulhorror und Sündenregister gemahnten, erhalten eigenständigen Charakter, werden Ausdruck einer Kultur, die ich liebe und die ich gerne – in Form von Wein – in mich aufnehme, in mich einfliessen lasse.

(Dieser Beitrag stammt aus der Feder von Peter Züllig, ein Blog-loser Weinliebhaber, und wurde vom Weinfreak als Gastbeitrag gerne im Blog veröffentlicht.)

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Comments

Sehr interessanter Beitrag! Ich würde auch mal gerne Schiefer live sehen 😀 Vor allem interessiere ich mich immer sehr gerne über die verschiedenen Herkünften meiner Lieblinge: Weiß-und Rotweine 🙂
LG

Die Bilder sind wirklich hoch interessant. Man muss sich die Landschaft nur mal richtig anschauen und genießen. Aber wenn man sich die Weinfelder anschaut, dann sieht man erstmal was für eine harte Arbeit dahinter steckt. Hätte echt mal Lust den zu probieren. Toller Beitrag, weiter so!

ein scöner detaliereter Beitrag sollten noch mehr andere beiträge geben…

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